Quelle: LVZ Delitzsch-Eilenburg, 19.07.2025, Silke Kasten
Die Sozialpädagogin versucht, Kinder wieder auf den Pfad der Tugend zu bringen, die sich oft schon sehr weit davon entfernt haben: Birgit Wiktorowski leitet seit knapp 20 Jahren die Ambulante Straffälligenhilfe für junge Menschen des AWO-Kreisverbandes Nordsachsen in der Torgauer Bahnhofstraße.
Ihre Angebote richten sich an Kinder, Jugendliche und Heranwachsende zwischen 13 und 21 Jahren in den Altkreisen Torgau und Oschatz.
Welche Jugendliche kommen zu Ihnen?
Die meisten kommen nicht freiwillig, sondern werden von Behörden und/oder Justiz dazu verpflichtet, weil zum Beispiel bereits ein Strafverfahren gegen sie läuft.
Wie arbeiten Sie mit den jungen Menschen?
Es handelt sich zum einen um Kurse, wie etwa den Anti-Diebstahlkurs, den Sozialen Trainingskurs oder den Verkehrsunterricht. Ein Schwerpunkt meiner Arbeit sind aber die Betreuungsweisungen.
Was ist das?
Das sind intensive Einzelfallhilfen, die meist über 6 bis 12 Monate andauern. Sie werden vom Gericht angeordnet. Die Betroffenen sind bereits mehrfach straffällig geworden und haben oftmals parallel eine Bewährungsauflage.
Was sind die häufigsten Problemlagen?
Deutlich zugenommen hat die Beschaffungskriminalität. Leider ist es so, dass oft schon sehr junge Menschen Drogen konsumieren, manche sind erst 14 oder sogar jünger. Immer häufiger kommt es deshalb vor, dass Jugendliche bereits Einbrüche begehen – zumal, weil sie sich in entsprechenden Freundeskreisen bewegen und dazu angestiftet werden. Bei einigen hat die Sucht bereits zu psychischen Auswirkungen geführt, sodass sie sich zum Beispiel nicht mehr so gut konzentrieren können.
Wo setzen Sie da mit Ihrer Arbeit an?
Häufig gibt es neben der Sucht und den kriminellen Taten ein ganzes Bündel an Problemlagen. Viele kommen aus Familien, die bereits durch Gewalt, Alkohol und/oder Drogen belastet sind. Manche sind wohnungslos, verschuldet, aus Schule oder Arbeit rausgeflogen und ohne Perspektive. Ich versuche dann, ein Problem nach dem anderen gemeinsam mit ihnen zu lösen.
Was können Sie konkret ausrichten?
Ich arbeite nicht nur intensiv mit den Jugendlichen, sondern kümmere mich zum Beispiel um einen geregelten Schulbesuch, um eine Regulierung der Schulden oder um Gespräche mit Erziehungsberechtigten. Parallel vermittele ich bei Bedarf eine Suchtberatung. Häufig helfe ich auch ganz praktisch bei Anträgen oder Behördengängen.
Sie arbeiten seit 20 Jahren in diesem Bereich. War das früher anders?
Die Problemlagen sind viel umfangreicher geworden. Wir haben nach wie vor den klassischen Ladendiebstahl, etwa in einem Drogerie- oder Supermarkt. Aber Diebstahl ist heute leider oft nur eines von vielen Problemen.
Sind noch neue Delikte hinzugekommen, die es früher nicht gab?
Auffallend zugenommen haben im letzten Jahr Straftaten im Kontext von Mobbing. Das kann zum Beispiel eine Nötigung auf einer Klassenfahrt sein oder das Veröffentlichen von Bildern und Videos im Netz, mit dem Ziel, jemanden zu verunglimpfen. Es werden inzwischen sogar mit KI manipulierte Fotos – auch Nacktbilder – in den sozialen Netzwerken verbreitet. Im schlimmsten Fall kommt es zu körperlichen Übergriffen.
Die Hemmschwellen sinken also?
Ja, das sehen wir auch in den übrigen Körperverletzungs-Delikten. Wir haben einige Jugendliche, die schon den dritten Sozialen Trainingskurs bei uns absolvieren. Manchmal sind mir da durchaus auch Grenzen gesetzt, etwa wenn Teilnehmer kaum Deutsch können.
Spiegelt sich diese Entwicklung auch in Zahlen?
Ja. 2024 hatte ich 16 Einzelbetreuungen, doppelt so viel wie noch 2018. Die Betroffenen sind 14 bis 21 Jahre alt.
Wie hoch ist die Erfolgsquote bei den Betreuungsweisungen?
2024 waren es etwa 50 Prozent. Aber so genau kann ich das nicht sagen, denn ich erfahre oft nicht, wie es mit den Klienten weiter geht. Manchmal sind sie eine Zeitlang auf einem guten Weg. Aber wenn eine Säule, die Halt gab, wegbricht, können Jugendliche schnell rückfällig werden.
Sie bieten auch Täter-Opfer-Ausgleich an. Wie sind Ihre Erfahrungen damit?
Dazu kann es nur kommen, wenn auch die Opfer damit einverstanden sind. Ich rede deshalb zunächst mit beiden Seiten in Einzelgesprächen. Wenn es gelingt, alle an einen Tisch zu bekommen, gibt es meist einen erfolgreichen Abschluss.
Wie hat sich das Problem der Ladendiebstähle entwickelt?
Wir hatten vor etwa drei Jahren ein Problem mit Kinderbanden in Torgau-Nordwest, dies hat sich gebessert.
Worauf kommt es bei der Intervention an?
Wichtig ist generell bei Kindern und Jugendlichen, dass die Strafe beziehungsweise die Erziehungsmaßnahme auf dem Fuße folgt, dann ist sie am wirkungsvollsten. Ansonsten besteht die Gefahr, dass kriminelles Handeln zur Routine wird.
Wer legt fest, welche Maßnahmen für den jeweiligen Jugendlichen angewandt werden?
Die Jugendhilfe des Jugendamtes führt vor einer Strafverhandlung mit den Straftätern ein Gespräch, um Defizite und Problemlagen zu erschließen. Aus dem Maßnahmenkatalog der AWO wird dann dem Jugendgericht das geeignete Hilfsangebot vorgeschlagen. Das Gericht hat anschließend das letzte Wort, wobei der Erziehungsgedanke im Jugendstrafrecht im Vordergrund steht.
Die Ausrichtung unserer Maßnahmen werden jährlich den Problemlagen des Landkreises neu angepasst. Dazu gibt es regelmäßige Arbeitstreffen mit allen Personen, die am Strafverfahren beteiligt sind.